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Wenn Patientinnen und Patienten gemeinsam die Nacht durchmachen

Datum:
Fachbereich:
Erwachsenenpsychiatrie
Gesellschaft:
Vitos Nordhessen gGmbh

Während die anderen Patientinnen und Patienten schlafen, bleiben sie die ganze Nacht wach: An der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Kassel gibt es jetzt eine sogenannte „Nachtwächtergruppe“.

Während die anderen Patientinnen und Patienten schlafen, bleiben sie die ganze Nacht wach: An der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Kassel gibt es jetzt eine sogenannte „Nachtwächtergruppe“. Drei bis sechs Patientinnen und Patienten, die an Depressionen erkrankt sind, können daran teilnehmen. Der Schlafentzug – in der Klinik positiv motivierend als Wachtherapie bezeichnet – hat einen anti-depressiven Effekt, sagt Oberarzt Dominik Mai, der die Idee zu der Gruppe aus einer anderen Vitos-Klinik mit nach Kassel gebracht hatte.

Im Speise- oder im Gruppenraum sitzen die Frauen und Männer die Nacht über zusammen und arbeiten unter anderem an einer Aufgabe, die ihnen Vera Weber mitgegeben hat. Die Ergotherapeutin überlegt sich stets neue Projekte für die Nachtwächter, an denen diese zwei bis drei Stunden gemeinsam arbeiten. Mal geht es darum, die Definition von Glück auszuarbeiten, mal soll sich die Gruppe Krafttiere überlegen. Die Ergebnisse werden auf Plakaten anschaulich dargestellt und am Morgen nach der durchwachten Nacht bei Vera Weber vorgestellt. Auch kleinere Einzelprojekte können die Patientinnen und Patienten in der Nacht umsetzen – falls jemand mal eine Rückzugsmöglichkeit braucht, sagt Weber.

Neue Hoffnung selbst für chronisch Depressive

Doch die meiste Zeit verbringen die Teilnehmenden tatsächlich gemeinsam. Die Gruppendynamik ist wichtig. „Die Patientinnen und Patienten sind alle motiviert und pushen sich gegenseitig“, sagt Pflegefachfrau Sarina Gerden. Wer von der Pflege im Nachtdienst im Einsatz sei, bereitet unter anderem gemeinsam mit der Gruppe einen Snack für die Nacht vor, erklärt Gerden. Ob Früchte und Joghurt, Käse- oder Wurstplatte. Gegessen wird zwischen 2 und 3 Uhr und das unter Tageslichtlampen. Manchmal geht es in der Nacht auch eine Runde spazieren im Freien, es werden Gesellschafts- oder Kartenspiele gespielt und auch eine Aromatherapie steht auf dem Programm. Aktivierende Dürfte sollen das Wachbleiben erleichtern, erklärt Sarina Gerden.

„Teilweise kommen die Frauen und Männer dabei an ihre Grenzen“, sagt Dominik Mai. Denn: Kurze Nickerchen sind nicht erlaubt, sie würden die Wirkung einschränken. Und trotzdem: „Mittlerweile ist das Angebot zum Selbstläufer geworden“, während es anfangs noch schwerer gewesen sei, zur Teilnahme zu animieren.  Von rund 50 Patientinnen und Patienten, die bisher teilgenommen hätten, habe eine abgebrochen, alle anderen hätten es geschafft. Und den Erfolg spüren sie anschließend auch: „Bei 60 bis 80 Prozent der Teilnehmenden gibt es einen anti-depressiven Effekt.“ Dieser halte zwar nur bei etwa 15 Prozent nachhaltiger an, doch ein bis zwei Tage würden alle davon profitieren. Selbst bei chronisch Depressiven, die seit Jahren erkrankt seien, gebe es eine Wirkung. „Das kann neue Hoffnung entfachen. Und das ohne Medikamente und ohne Nebenwirkungen.“

Auch in anderen Kliniken gibt es das Angebot durchaus, allerdings nur für Einzelpersonen. Oberarzt Dominik Mai war es wichtig, ein Gruppenangebot zu machen, dieses fest zu etablieren und alle Berufsgruppen einzubinden. Nun kommen die Nachtwächter jede Woche zusammen, immer in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Empfohlen wird für jeden Teilnehmenden eine zweimalige Teilnahme. Wird es mehr, sei der Effekt irgendwann schwächer, so Mai.

Ist die Nacht geschafft, geht es für die Teilnehmenden allerdings nicht ins Bett. Für sie stehen dann vor allem aktivierende Maßnahmen auf dem Plan, sagt Sarina Gerden. Beispielsweise Bewegung an der frischen Luft. Und weil das Gefühl, eine Herausforderung gemeistert und plötzlich ein Stimmungshoch zu haben, für manchen überfordernd sein kann, stehen Psychologinnen und Psychologen sowie Ärzt/-innen bereit, sie in Gesprächen „aufzufangen“.

Wenn die Patientinnen und Patienten am folgenden Abend ins Bett gehen, waren sie insgesamt 36 Stunden wach. Das erhöhe den Schlafdruck deutlich, weshalb sie mehrere Nächte meist sehr gut schlafen, sagt Mai. Und auch wenn die anti-depressive Wirkung nicht lange anhalte, findet der Arzt die Maßnahme sinnvoll. Die Menschen würden eine Selbstwirksamkeit erfahren, ein Erfolgserlebnis haben, viele würden zum ersten Mal seit langem wieder Hoffnung schöpfen. Und nicht zuletzt können sie nach der Entlassung aus der Klinik immer mal wieder eine Nacht lang wach bleiben und sich so selbst helfen.

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