
Als Wolfgang Grupp, Senior-Chef der Bekleidungsfirma Trigema, in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen mit der Nachricht beherrschte, dass er am Leben zweifelte, konnte viele es kaum glauben. Dieser agile und meinungsstarke ältere Herr, der aus vielen Talk-Shows mit durchaus provokanten Thesen bekannt war, hatte seinen Lebensmut verloren? Wie konnte das sein? Offenbar leidet Grupp an einer so genannten Altersdepression. Sie gehört neben Demenzerkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter.
Was genau ist eine Altersdepression?
„Allgemein spricht man bei depressiven Patientinnen und Patienten ab einem Alter von 65 Jahren von Altersdepression oder medizinisch genauer von einer Depression im Alter. Unter einer Depression wird allgemein eine affektive Störung verstanden. Das bedeutet, dass die Gefühls- und Gedankenwelt der Betroffenen negativ verändert ist“, erläutert Dr. Stefanie von Rosen, Klinikdirektorin der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Herborn. Die häufigsten Symptome hierbei seien Freudlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Allerdings würden die depressiven Symptome bei älteren Menschen häufig von körperlichen – teilweise auch psychosomatischen – Beschwerden überlagert und deshalb oft nicht als solche erkannt. Erschwerend bei der Diagnose der Erkrankung komme hinzu, dass die veränderten Lebensumstände im Alter von Betroffenen und Angehörigen häufig als „normal“ angesehen würden und einfach hingenommen werden müssten.
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, eine Depression zu entwickeln. In der Gesamtbevölkerung sind im Durchschnitt rund fünf Prozent an einer Depression erkrankt. Bei den über 65-jährigen leiden bereits etwa 20 Prozent an einer Depression. Bei Bewohner/-innen von Senioren- oder Pflegeheimen steigt der Anteil sogar auf 30 bis 40 Prozent. Menschen, die bereits in jüngeren Jahren an einer Depression erkranken, sind häufig auch im höheren Lebensalter davon betroffen. Damit ist die Altersdepression neben der Demenz die häufigste psychische Erkrankung im Alter. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
Was löst eine Altersdepression aus?
Die Ursachen und Auslöser für eine Altersdepression sind vielfältig. Die oft hohen emotionalen Anforderungen im Alter stellen ein großes Risiko für die Entwicklung einer Depression dar: der Übergang vom Beruf in den Ruhestand oder der Auszug der Kinder aus dem gemeinsamen Haushalt können Auslöser sein. Häufig kommt der Verlust des Partners oder enger Freunde hinzu, die Zahl der sozialen Kontakte nimmt ab, und auch die geistigen und körperlichen Fähigkeiten lassen nach. All das sind Risikofaktoren für eine Altersdepression. „Die Diagnose Altersdepression wird derzeit nur bei 10 bis 20 Prozent der Betroffenen gestellt und noch seltener richtig behandelt. Ein Grund liegt vermutlich darin, dass Hausärzte zunächst die körperlichen Beschwerden im Blick haben. Zudem werden Depressionen nach wie vor tabuisiert. Wenn die Eltern oder Großeltern über unspezifische Beschwerden klagen oder über Ängste und Stimmungstiefs berichten, nehmen Angehörige dies oft zu wenig ernst“, so Dr. von Rosen. „Daher möchten wir dringend für diese Erkrankung sensibilisieren. Denn Altersdepressionen können wirksam und erfolgreich behandelt werden.“
Behandlungsoptionen bei Altersdepressionen
Die Behandlung der Altersdepression unterscheidet sich nicht von der jüngerer Patient/-innen. Sie steht auf zwei Säulen: sowohl die Psychotherapie als auch die medikamentöse Therapie stehen zur Verfügung und zeigen gute Erfolge.
Bei der medikamentösen Therapie muss ein geeignetes Antidepressivum durch den behandelnden Arzt/Ärztin ausgewählt werden. Dabei muss beachtet werden, welche Medikamente der oder die Betroffene bereits einnimmt und welche Wechselwirkungen auftreten könnten. Auch eine Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, kommt auch für ältere, über 60-jährige Patient/-innen in Frage und zeigt gute Wirkung. Leider ist der Anteil bei den Älteren mit nur etwas sechs Prozent noch sehr gering. „Wir appellieren an Angehörige, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Stimmungstiefs bei Älteren ernst zu nehmen und ärztliche Hilfe zu suchen. Mit der richtigen Therapie können wir Altersdepressionen gut behandeln und den Patient/-innen ein Stück Lebensqualität zurückbringen, betont Dr. von Rosen.